Judith Holofernes (c) Gastspielreisen

Judith Holofernes im Interview: “Es war zauberhaft”

Die Wir-Sind-Helden-Sängerin Judith Holofernes hat mit „Ich bin das Chaos“ ihr zweites Solo-Album am Start, an dessen Entstehung der Songwriter und Multiinstumentalist Teitur von den Färöer Inseln maßgeblich beteiligt wart. Wir dürften ein sehr erfrischendes Gespräch mit Judith Holofernes über das neue Album und natürlich über die Live-Umsetzung führen.

event.: Dein neues Album fängt ja ziemlich düster an, „Der letzte Optimist“ feiert ja geradezu die Hoffnungslosigkeit.

Judith Holofernes: Ich habe wochenlang, wenn nicht sogar einen Monat lang an der Reihenfolge der Songs getüftelt. Ich hatte immer das Gefühl, dass sich die Gesamtgeschichte ändert, je nachdem, wie ich die Songs anordne. Darüber bin ich fast verrückt geworden. Am Ende hat mir das so am besten gefallen, relativ gnadenlos mit dieser Dunkelheit einzusteigen und dass es dann auf eine etwas lustige und fast verquere Art mit „Oder an die Freude“ wieder hell wird. Abgesehen davon ist mir „Der letzte Optimist“ sehr lieb in seiner Dunkelheit und ich wollte, dass er einen sehr exponierten Platz bekommt. Einen exponierteren gab‘s nicht!

Stehen denn reale Personen oder Erlebnisse hinter den Figuren in Deinen Songs?

Ja, teilweise schon. Aber es war bei mir schon immer so, dass sich die Leute, über die ich singe, sich aus mehreren und auch aus Teilen von mir zusammensetzen. Das merke ich dann aber immer erst hinterher und bin dann ziemlich überrascht. Ein halbes Jahr später stelle ich dann gerne mal fest: „Jaja, von wegen ‚Lisa‘! Das ist doch wieder ein Teil von mir.“

Geschwisternschaft auf den ersten Blick

Also auch eine Art Selbsttherapie …

Ich finde es immer sehr therapeutisch, Songs zu schreiben, und zwar in einem sehr positiven Sinn. Neulich habe „Oh Henry“ wieder gehört, und hatte plötzlich das Gefühl: „Das ist jetzt vorbei.“ Also der Kern und das Gefühl von dem Song, das ist inzwischen nicht mehr so oder zumindest nicht mehr so oft. Das ist kein Zufall, sondern hat damit zu tun, dass ich den Song geschrieben habe.

Die Songs hast Du ja zusammen mit Teitur, einem Musiker von den Färöer Inseln, geschrieben. Wie kam es denn dazu?

Das war ganz zauberhaft, wir sind verkuppelt worden. Ich bin schon seit Jahren Teitur-Fan und halte ihn für einen der besten zeitgenössischen jungen Songwriter, weil er viele Dinge vereint, die ich wichtig finde: Er ist lustig und gleichzeitig traurig, kann tolle Geschichten erzählen. Ich hatte einen Song von ihm, „Catherine The Waitress“, übersetzt und bei meinen letzten Konzerten als „Jonathan der Kellner“ gespielt. Das hat sein Manager mitbekommen, uns verkuppelt und auf einmal saßen wir beide verlegen in einem Café in Kreuzberg. Und sind sofort aufeinander angesprungen, es war nicht Freundschaft, sondern Geschwisterschaft auf den ersten Blick. Es ging also sehr schnell, dass wir uns dicke angefreundet und auch ganz viele Songs zusammen geschrieben hatten.

Wie lief das Songwriting ab?

Wir waren zuerst eine Woche hier in Berlin, dann war ich eine Woche auf den Färöern. Die Sprachbarriere ist natürlich unleugbar da, aber Teitur kann gut genug Deutsch, um auch die sprachlichen Feinheiten zu bemerken. Manche Songs habe ich auf Deutsch mit fertigem Text und Melodie mitgebracht, die wir dann ausgearbeitet haben. In diesen Fällen hat er dann die Übersetzungen von mir bekommen. Dann habe ich auch einige englische Texte mitgebracht und manche Stücke haben wir komplett zusammen von null an geschrieben. Dadurch hatte er schnell ein Gefühl dafür, wie ich schreibe und konnte sich dadurch gut hineinfinden. Am Ende konnte Teitur dann sogar richtig gut Deutsch, weil er ja auch bei den Studioaufnahmen durchgehend dabei war.

Teitur als Live-Unterstützung für Judith Holofernes

Und auf die Tour kommt er auch mit?

Ja, er ist als Gast mit dabei, spielt einige seiner eigenen Songs und ist natürlich auch in meiner Band. Darüber freue ich mich besonders, weil ich nicht gewusst hätte, wie wir das alles auf der Bühne ohne so einen Multifunktionswahnsinnigen reproduzieren sollten.

Wie voll wird es denn auf Bühne, auf der Platte sind ja zum Beispiel auch Bläser mit dabei?

Da haben wir uns dagegen entschieden, weil sonst da drei Bläser und vier Streicher zusätzlich auf der Bühne gewesen wären. Dieses „Imaginary Doomsday Orchestra“, das wir uns für die Platte ausgedacht hatten, hat sowieso eher einen synthetischen Anteil. Wir wollten ein Orchester erfinden, das immer so leicht neben einem normalen Orchester klingt. Und live wollten wir diese Emotionalität auf eine andere, noch freakigere Art erzeugen.

Als musikalische Referenzen gibst Du unter anderem die Breeders, Nick Cave, die Cramps und Cyndi Lauper an. Sind solche Referenzen für Dich überhaupt noch relevant?

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wann ich das gesagt habe. Ich vermute, dass diese Namen eher gefallen sind, wenn wir über etwas Spezifisches bei der Produktion geredet haben, nach dem Motto, an der Stelle bei „Lisa“ soll das nach Marvin Gaye klingen. Und das sind vermutlich auch Referenzen, die außer mir, Teitur und Pola kein Mensch nachvollziehen kann. Bei Cyndi Lauper weiß ich sogar noch, wo es herkommt: Es ging um die 80er-Jahre und „Ich bin das Chaos“ und hier speziell um „All Through The Night“. Oder bei „Oder an die Freude“ habe ich gesagt: „Ich will etwas zwischen De La Soul und Boy George.“

Hattest Du wirklich geglaubt, du kommst mit sieben Konzerten, wie sie ursprünglich angekündigt waren, durch?

Nein, im Gegenteil, ich hatte ursprünglich den diabolischen Plan mindestens doppelt so viele zu spielen. Aber es war nicht so einfach zu planen, weil wir wussten, dass Teitur mitkommen soll. Es war ein ziemliches Getüftel, damit er auch wirklich bei allen Konzerten dabei sein kann, deswegen liegen die auch so weit auseinander. Aber wir haben es hinbekommen und freuen uns drauf.

Lesen Sie auch unseren Nachbericht zum Münchner Konzert von Judith Holofernes

Veranstalter: Gastspielreisen Rodenberg

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